Müntefering begann seine Ausführungen mit der Darstellung, wie Sterben früher geschah und dass das Sterben heute aus dem alltäglichen Leben herausgedrängt ist. "Heute" so Müntefering "gibt es Menschen, die mit 40 oder 45 Jahren noch nie einen Toten gesehen haben. Sie wollen möglichst wenig darüber sprechen und alles soll schnell wieder seinen normalen Gang nehmen. Die Anonymisierung hat ein beachtliches Ausmaß angenommen.“ Das läge vor zum einen an den Familienkonstellationen , die heute höchstens noch zwei Generationen unter einem Dach haben. Drei oder gar vier Generationen so wie früher in einem Haus seien die absolute Ausnahme. „Nur schön war das damals auch nicht“ erinnerte er sich allerdings etwas schmunzelnd. Zum anderen habe die moderne Hochleistungsmedizin vieles verändert. „Menschen im Leben zu halten, kann das Sterben schwer machen“.
Es folgte ein Abriss zur Entwicklung der Hospizarbeit seit 1992, als Müntefering in NRW Gesundheitsminister war. Damals war der Hospiz-Begriff für viele unbekannt. "Stationäre Hospizes sind das Beste was wir haben“ und bezeichnete sie als den absoluten Idealfall für Menschen am Lebensende. Doch nicht jedem ist der Zugang möglich. "Von über 870.000 Sterbefällen in Deutschland sterben lediglich 30.000 in Hospizen, das sind 3,5 %. Also viel zu wenig."
Darum gab es die Entwicklung von Ambulanten Hospizdiensten wie auch in Hamm. Und er bezeichnete die Hospizbewegung als "die schönste und größte Bewegung, die es in Deutschland gibt."
Er bedankte sich bei allen, die sich hier engagieren und er sagte: "Es ist unverantwortlich, den Menschen Angst vor dem Sterben zu machen. Denn viele Menschen sterben in Deutschland völlig normal. Man muss das Sterben auch eben zulassen, Hand halten, mitgehen und u.U. entscheiden, die Intensivstation mit der Palliativstation zu tauschen."
Dann brach er eine Lanze für die Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht und gab einen Abriss über die Entwicklung der Pflegeversicherung und die neueste Änderung hinsichtlich der an Demenz Erkrankten. Er machte darauf aufmerksam, dass Menschen OHNE KINDER aktuell einen um 0,25 % höheren Beitrag zu leisten haben.
Zum Schluss folgte der Ausblick, dass demnächst die Sterbebegleitung auch in Pflegeheimen obligatorisch sei und er wies auf die Tatsache hin, dass es aktuell nicht genug palliativ ausgebildete Fachkräfte gibt und man in die Ausbildung verstärkt investieren muss.
„Pflegen ist ein Beruf“ sagte er noch und da reiche es nicht, freundlich zu sein. "Wir brauchen Hauptamtlichkeit, Ehrenamtlichkeit und die Familien. Wir brauchen viel mehr Spezialisten, die den Beruf erlernt haben und wir müssen den Menschen sagen, wo sie Hilfe bekommen können! "
Und er erzählte von Menschen, die ihre Hilfebedürftigkeit nicht akzeptieren wollen und stattdessen eine Selbsttötung vorziehen. Doch Hilfebedürftigkeit gehöre zum Leben dazu. "Wer kommt denn ohne die anderen aus?" fragte er noch und war froh, dass die aktuelle Diskussion um Sterbehilfe, besser ärztlich assistierte Hilfe zur Selbsttötung mit dem neuen Gesetzt beendet ist. Und er erzählt von seiner Mutter, die gesagt hatte: „Wie das Leben so das Sterben“ und beschreibt das Elend der Einsamkeit von alten Menschen. „Ich werd ja nicht vermisst, wenn ich sterbe“ sagen manche und er forderte die solidarische Gesellschaft auf, sich einzubringen.
Als letztes gab er dem Publikum eine Empfehlung mit auf den Weg und sprach von den drei großen „L“ im Alter: Laufen - Lernen - Lachen.